Ausstellung #61 im Rathaus

Bürgermeisterin freut sich über Eike Wedemeyers Ausstellung

Vernissage der lustigen Art

Scheeßel – Von Jessica Ginter. So lustig war die Vernissage einer Kunstausstellung wohl noch nie: Bürgermeisterin Käthe Dittmer-Scheele und Künstler Eike Wedemeyer sorgten am Donnerstagabend im Foyer des Scheeßeler Rathauses beim Empfang für Lacher. Knapp 50 Besucher kamen, um die schwarz-weißen Tuschebilder von „Underground-Artist“ Eike Wedemeyer alias „Sophies Henker“ zu begutachten.

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Die Erläuterung seines Künstlernamens ist nur eine von vielen Anekdoten an diesem Abend gewesen. Denn, dieser ist eine Anspielung auf das Morgenstern-Gedicht „Galgenbruders Lied“. Grund Nummer zwei, laut Wedemeyer: „Ich habe in jungen Jahren unter diesem Namen in einer Band gespielt.“ Gut fand er ihn damals nicht, „doch man muss das dann einfach durchziehen“.

Seine Ausstellung „Aufgewachsen in der Wiederholung“ ist vor allem von den großflächigen Tuschezeichnung-Bildern geprägt. Dazu geben „Feder und Pinsel auf Papier“, Linoldrucke und die Schablonenkunst einen Kontrast. Bekannte Charakterköpfe sind die Lieblingsmotive für Wedemeyers Porträts, und so sind neben Politikern wie Willy Brandt, Abraham Lincoln und Wladimir Putin, Dichter und Denker sowie bekannte Musiker wie David Bowie, und Schauspieler von John Wayne bis hin zu Bud Spencer zu sehen. Gekonnt wirft Wedemeyer Konterfeis auf das Papier und legt dabei den Fokus auf den intensiven Blick der Prominenz. Es sieht aus, als habe der Künstler einen besonders lebendigen Moment des Ausdrucks eingefangen.

Nicht umsonst bezeichnet er sich selbst als Lo-Fi-Artist. „Low Fidelity“ bezeichnet die Zeichenart, möglichst einfach und mit wenigen Mitteln zu arbeiten. „Ich finde, die Bilder sehen nach viel Arbeit und alles andere als einfach aus“, sagte Dittmer-Scheele. Wedemeyer dazu: „Ich bin Feierabendmaler. Alles muss sehr schnell gehen.“ Gezeichnet wird nämlich auf dem Küchentisch, aber erst wenn die Kinder im Bett sind, erklärt er seinen Besuchern.

Die Werke, eine Auswahl aus den Jahren 2014 bis 2016, würden „Leben und Bewegung ins Rathaus bringen“, so die Gemeindechefin. Fraglich sei nur, weshalb ausgerechnet das Bild von Schauspieler Horst Tappert, Oberinspektor Derrick aus der gleichnamigen TV-Krimiserie, im Treppenhaus hänge und somit kurz vor Dittmer-Scheeles Büro. „Will er mich erschießen, oder warum setzt er mir die Pistole auf die Brust?“, scherzte Scheele in die Runde. Unter dem Motiv steht der wohl berühmtesten Satz der Serie: „Harry hol’ schon mal den Wagen!“. Die zweite Interpretation der Bürgermeisterin: „Sollte ich einen neuen Mitarbeiter einstellen, der Harry heißt?“

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Gemeinsam mit den Besuchern lachten Wedemeyer und die Bürgermeisterin herzlich. Für Musik sorgte an diesem Abend Gitarrist Uli Meyer, der den Künstler stets zu seinen Ausstellungen begleitet. Die Bilder sind bis zum 30. September zu den regulären Öffnungszeiten des Rathauses zu sehen.

Quelle: Rotenburger Kreiszeitung 15.7.2016

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Scheeßeler Künstler Eike Wedemeyer alias „Sophies Henker“ bereitet Ausstellung vor

„Unsauber mit Details“

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Scheessel – Von Ulla Heyne. Im Rathaus herrscht trotz der Sommerferien nicht gerade hektische, aber doch eifrige Betriebsamkeit. Bevor am Donnerstagabend die Ausstellung „Aufgewachsen in der Wiederholung“ von Eike Wedemeyer eröffnet, müssen die rund 70 Skriptolzeichnungen des Scheeßeler Künstlers an die Wände gebracht werden. Wir nutzten die Gelegenheit zu einem Gespräch mit dem „Underground-Artist“, der sich auch „Sophies Henker“ nennt.

Herr Wedemeyer, Sie sind ausstellungstechnisch momentan ja ganz schön gefragt…

Wedemeyer: Stimmt, in den letzten eineinhalb Jahren war so einiges: Eine Gemeinschaftsausstellung mit einer anderen Künstlerin in einer Kunstgalerie in Walle, einige Einzelausstellungen in Bremen und vorher hier in der Videothek…

Dort waren hauptsächlich Filmidole zu sehen. Nach welchen Kriterien haben Sie die Motive für das Rathaus ausgesucht?

Wedemeyer: Hier geht es vor allem um Kindheitserinnerungen. Wobei: Ich bin Jahrgang 1978, vieles, was ich damals gesehen habe, war zu der Zeit schon Wiederholung. Ich mag den alten deutschen Film. Horst Tappert, Götz George, Gerd Fröbe – das sind nicht alles Idole, aber Charakterköpfe, Leute, die einen bewegt haben. Putin, Gudrun Ensslin – Von der habe ich sogar nach einem Nacktfoto aus ihrer „Kunstschmuddelphase“ gemalt – es war das Erste, was im Internet bei meiner Recherche hochkam. Das ist im Rathaus aber nicht zu sehen, es ist schon verkauft (lacht). An sie kann ich mich nur noch von den RAF-Fahndungsfotos erinnern, die noch Jahre später in der Post hingen.

Stammen die Werke aus Ihrem Fundus oder zeigen Sie auch neues Material?

Wedemeyer: Rund die Hälfte der Bilder ist neu, darunter auch Kleinformatiges oder ein Bild der St.-Lucas-Kirche, neben dem Bahnhof leider bisher das einzige Scheeßel-Motiv. Ich würde gern mehr typische Scheeßeler Szenen malen, zum Beispiel die Mühle. Eigentlich würde ich auch gern ganz andere Bilder ausstellen, die mich mich gerade beschäftigte, aber die passen hier nicht herein.

Was wäre das?

Wedemeyer: Miniaturen mittelalterlicher Buchmalereien aus dem 15. Jahrhundert. Es ist unglaublich, was man da – dank Internet findet. Können Sie sich noch an das Killer-Kaninchen von Monty Python erinnern? Das findet man in den alten Büchern, mit einem Morgenstern. Oder die Szene eines Mönchs, der unter der Kutte unverhohlen eine Nonne befummelt. Da war dem Klostermaler wohl langweilig und er hat ein kleines Gimmick eingebaut… Solche Szenen male ich mit Gänsekiel auf Pergament nach… Aber das ist eine andere Technik als meine Skriptolbilder im Rathaus.

Die sind ja oft schmutzig, polarisierend…

Wedemeyer: Die „dreckigen“ Bilder sind dieses Mal gar nicht dabei… (lacht)

Ich meinte eher die Technik: Die fast hingerotzten Linien und Punkte sind ja schon eine Art Markenzeichen – ein Ausdruck von Spannungsabbau?

Wedemeyer: Malen ist für mich in der Tat ein Ventil. Ich male, wenn ich innerlich unruhig bin, um wieder runterzukommen. Die Kleckse liegen allerdings eher daran, dass ich schnell arbeite und dabei auch mal schlampe – und bei Tusche gilt ja: Was einmal da ist, ist da. Das habe ich kultiviert. Was meinen Stil angeht, merke ich, dass er sich weiterentwickelt hat. Ich probiere mehr, da dauert es wieder länger. Früher habe ich, je nach Größe, ein Bild in einer Stunde geschafft. Jetzt würde ich sagen, ich male unsauber mit Details.

Wie man sieht, ist das ja auch mit einer Menge Arbeit verbunden. Sie verdienen Ihr Geld hauptberuflich anders. Warum tut man sich das an?

Wedemeyer: Abgesehen davon, dass ich durch Ausstellungen viele meiner Bilder verkaufe, geht es vor allem um den Spaß an der Sache, die Party bei der Vernissage. Das macht ähnlich viel Spaß wie der Moment, das fertig gerahmte Bild zu sehen. Denn erst dann ist ein Bild für mich wirklich fertig. Insofern ist es fast schade, dass die Ausstellung hier so lange hängt und ich die Bilder in der Zeit nicht woanders ausstellen kann. Aber schon das Aufhängen jetzt macht Riesenspaß. Lustigerweise haben schon viele Rathausmitarbeiter Wünsche geäußert, wer vor ihrer Bürotür hängen soll.

Wie sehen Ihre künstlerischen Pläne für die Zukunft aus?

Wedemeyer: Mit den selbstgebauten Zigarrenkisten und den alten Motiven geht es auf ein Steampunk-Festival – und dann will ich meine nach historischen Vorlagen gebaute Flinte auszuprobieren.

Quelle: Rotenburger Kreiszeitung 12.7.2016